Basler Magazin · Nummer 17 · 28. April 1984
Der Basler Künstler Beni Schweizer hat für das Schweizerische Institut für Nuklearforschung die Plastik «Cyclus» geschaffen.
Als «hängendes plastisches Element» bezeichnen es die einen, als «harmonisches Gebilde aus Messingröhren» die anderen; der Künstler Beni Schweizer selbst nennt sein Werk ganz einfach «Cyclus». Geschaffen wurde es für das neue Zentralgebäude des SIN (Schweizerisches Institut für Nuklearforschung) in Villigen AG. Auftraggeber war das Amt für Bundesbauten (als Bauherrorgan) im Einvernehmen mit der Eidgenössischen Kunstkommission (als Berater).
Dass nicht am Schluss in ein fertiges Gebäude etwas «hineingeknallt» wurde, sondern Bau und Kunstwerk miteinander entstehen konnten, ist laut Beni Schweizer dem Architekten Thomas Wiesmann vom Atelier 7 in Zürich zu verdanken, der ausdrücklich gewünscht hatte, von Anfang an mit dem Künstler zusammenzuarbeiten. Nachdem die Eidgenössische Kunstkommission den Basler Beni Schweizer aufgrund seiner früheren Arbeiten vorgeschlagen hatte, trafen sich Architekt und Künstler. «Es hat grad g’fügt», erklärt Schweizer, der damals, vor zwei Jahren, die Arbeit mit einer Maquette des Gebäudes begann. Schon anlässlich seines ersten Besuches auf der Baustelle – das Fundament war eben fertig geworden – nahm er Kontakt mit Mitarbeitenden des SIN auf, sammelte, wie er sagt, «Eindrücke und Einblicke», denn dass sein Werk mit der Tätigkeit des Institutes etwas zu tun haben sollte, war für ihn von Anfang an klar.
Das SIN, dessen Hauptziel die «Vertiefung unserer Kenntnisse im Bereich der Atome und ihrer Bausteine» ist und dessen Experimente vor allem der Grundlagenforschung dienen, betreibt einen Teilchenbeschleuniger, mit dem man Protonen (positiv geladene Kerne von Wasserstoffatomen) auf 80 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Mit den auf diese Weise erzeugten Strahlen lassen sich einerseits Atome und ihre Kerne untersuchen; im SIN aber werden sie genutzt, um eine besondere Art von Elementarteilchen, Pi-Mesonen oder Pionen genannt, zu erzeugen. Der Zyklus – der Kreis – ist nun eine Form, die hier, wie in der ganzen Natur, immer wieder auftaucht: Einen immer grösser werdenden Kreis beschreiben die Protonen im Ringbeschleuniger; Kreise findet man aber auch auf den Spurenbildern von seltenen Zerfällen, deren Ästhetik den Künstler ebenso faszinierte wie die Baupläne für einen sich im Bau befindlichen zweiten Beschleuniger. «Das sieht aus wie Inkazeichnungen!»
Eine weitere Quelle der Inspiration war der Beschleuniger selbst: acht Elemente (je 250 Tonnen schwere Elektromagnete), wie Blumenblätter um eine Achse angeordnet (das Oktogon wurde übernommen für den Träger, an dem die an Drähten hängenden Röhren befestigt sind), dazwischen «Schlitze – das Nichts, wo alles passiert» (so Schweizer).
Ein wichtiges «Zwischenraum»-Motiv war das erste festgelegte Mass der ganzen Arbeit: Es ist der Abstand zwischen den einzelnen Röhren, der genau so gross ist wie Schweizers Daumen. Überdies sollten Schichten und Strahlen dargestellt werden – letztere eben mittels Röhren, «denn in der Physik geht der Strahl auch durch ein Rohr».
Es entstanden dann unendlich viele Ideen, Skizzen und Pläne – mehr gefühlsmässig als technisch: «Ich bin einmal Bauer gewesen, arbeite sehr negativ, aus dem Gefühl heraus. Meine Zeichnungen kann man gar nicht anschauen. Ich kann ein paar Striche machen und mir eine ganze Skulptur vorstellen. Ich lege etwas von zwölf Winkeln her fest; wenn sie aufgehen, kann man alles zwischendrin Zufall nennen, aber dabei ist immer etwas Positives entstanden. Ich spiele, bis es stimmt, baue mit ein paar festen Gesetzen.»
Die Röhren – 1753 an der Zahl – haben genau den Durchmesser von Schweizers Daumen. Sie wurden von den Metallwerken Dornach aus einer speziellen Metalllegierung – nach Schweizers Wunsch sollten sie «so rot wie möglich» sein – gezogen, einzeln zugeschnitten, poliert und lackiert. Darauf wurden sie mit Drähten montiert, und der Kreis aus hängenden, bei Berührung geheimnisvoll klingenden «Leitern der Erkenntnis» erwies sich als so gewichtig, dass seine einseitige Dachstruktur verstärkt werden musste.
Der Kunstschriftsteller (er nennt sich «écrivain d’art») Guy Weelen verwendete bei seiner Rede bei der Übergabe der Skulptur halb im Scherz das Wort «Goldfinger» für Beni Schweizer. Nicht nur der goldglänzenden Röhren wegen, sondern weil auch er die aussergewöhnlichen handwerklichen Fähigkeiten des Künstlers kennt. Schweizer gehört zu den beneidenswerten Leuten, die einfach alles richtig in die Hände nehmen, die instinktiv zu wissen scheinen, wie man etwas macht – sei es, eigenhändig ein Haus zu bauen (er hatte es getan, mitten in einem herrlichen Garten in Frankreich), sei es, einen Elefanten von der Variété-Bühne verschwinden zu lassen, sei es, Bäume zu schneiden oder Larven herzustellen – oder eben Kunstwerke zu verwirklichen, für die alles erst erfunden werden muss.
Beni Schweizers Werk «Cyclus» im SIN in Villigen AG kann während der Arbeitszeiten besichtigt werden.
Text: Barbara Wyss
Photos: Kurt Wyss
Das harmonische Gebilde aus Messingröhren im Foyer des Zentralgebäudes wird ohne Zweifel die Aufmerksamkeit der Angestellten und Besucher des SIN auf sich ziehen. Der Zweck dieser Struktur besteht nicht darin, die bereits installierte rund dreissigtausend Tonnen schwere Eisen- und Betonabschirmung zu erhöhen; sie dient vielmehr der Dekoration und hat symbolischen Charakter. Immerhin: Die tausendsiebenhundertfünfzig Messingröhren mit einem Gesamtgewicht von drei Tonnen erforderten eine Verstärkung der Dachstruktur.
Diese Röhren aus einer speziellen Legierung dreier Metalle sind einzeln zugeschnitten, poliert und lackiert worden. Obwohl sie an Drähten hängend auf einen oktagonalen Träger montiert sind, ergeben sie das Bild eines sich nach oben verjüngenden, zylindersymmetrischen Gebildes. Das Ergebnis dieser mit Bedacht gewählten Aufhängung ist nicht nur gefällig für das Auge; sie schafft auch eine Beziehung zu den acht Sektormagneten des Ringbeschleunigers, dem Kernstück des Instituts.
In der Tat dürften sowohl die Präzision und das handwerkliche Können des Künstlers Beni Schweizer und seiner Gehilfen als auch die Ausmasse des Kunstwerkes der ausserordentlichen Genauigkeit und den erstaunlichen Dimensionen der wissenschaftlichen Tätigkeit des Instituts angemessen entsprechen.
Durch die Besonderheit der Aufhängung bringt die Struktur, wenn sie angeschlagen wird, unkontrollierbare klangliche Effekte hervor. Insgesamt betrachtet scheint die Plastik keinen Anstoss zu erregen, denn sie wirkt angenehm auf die Betrachtenden. Sie ist bedeutungsvoll dank ihrer offensichtlichen Beziehung zum Umfeld und sogar einladend zu spielerischer Betätigung. Jedoch steckt mehr dahinter, als Auge und Ohr wahrnehmen ...
Beni Schweizer erforscht mit Leidenschaft Gedanken und Erfahrungen Europas zur Renaissancezeit, wie so mancher, der nach anderen Kulturen Ausschau hält, um Trost inmitten der Absurditäten des modernen Lebens zu finden. Für jemanden, der in Basel geboren wurde – wo man noch das dumpfe Poltern der ersten Druckpressen zu hören vermeint –, ist dies wohl die naheliegendste Epoche als Quelle der Inspiration. Und um 1960, als Beni ein Buchantiquariat betrieb, erweckte der tägliche Umgang mit alten Drucken sein Interesse für den Geist jener Zeit. Jene Seuchenjahre des vierzehnten bis siebzehnten Jahrhunderts hatten Eigenschaften, die wir heute vergeblich suchen: Der Mensch stand noch immer in einer unverdorbenen Beziehung zur Natur, sein Wissen und seine Errungenschaften waren auf das Vermögen des Einzelnen abgestimmt, seine Handlungen der Verantwortung und dem Glauben untergeordnet, und Liebe entsprach wegen der Allgegenwärtigkeit des Todes einem tiefen Bedürfnis.
In der Tat ist es diese Gleichgewichts- und Proportionalitätsbesessenheit, die Beni in seinen Werken auszudrücken versucht. Allerdings zeichnete sich in jener Zeit schon eine Veränderung der Weltanschauung ab, welche diese Harmonie zerstören sollte. Damals nämlich wurde der geozentrische Kosmos der Alten zerschmettert und durch die Vision eines unendlichen Universums ersetzt. Fortan sollten Himmel und Erde den gleichen physikalischen Gesetzen unterworfen sein. Und es war damals, dass der Glaube an die Beweisführung des Empirismus gegen die überlieferten biblischen und aristotelischen Wahrheiten siegte und die moderne Wissenschaft begründete.
Das Ende des umfassenden Wissens, welches Beni in Männern wie Albertus Magnus oder Pierre Bayle, dem Enzyklopädisten des 17. Jahrhunderts, so sehr bewundert, war angebrochen. Gleichzeitig jedoch war es auch der Beginn der Verwirklichung der uralten Suche nach der Beherrschung geheimer Kräfte der Natur. Die magischen Beschwörungen wurden ersetzt durch den goldenen Schlüssel des Empirismus: Der Weg zu berauschenden Möglichkeiten war gebahnt. In Benis Röhren liegt eine Anspielung auf diese ununterbrochene Suche, die mit den Schmelztiegeln der Alchemisten begann und heute mit den Beschleunigern der Kernphysiker weitergeführt wird.
Seit 1967 stellt Beni harmonische, aber auch herausfordernde Kompositionen aus Metall- und Nylonfäden her, die in ihrem spielerischen Charakter nicht immer dem Naturell des Künstlers entsprechen. Zu seiner Vorliebe für Schöpferisches und Entdeckungen, für Natur und insbesondere seinen Garten, für Geselligkeit und Zecherei, für Schenken und Spielen, für handgemachte Kleider – kurz: für alle guten Dinge dieser Welt – kommt Benis Schwelgen im Satanischen und Morbiden. Er liebt die Bissigkeit und Ironie des Totentanzes, jener bildlichen Überlieferung aus den Seuchenjahren, in der der durch das Totengerippe personifizierte Tod alle Sterblichen – seien sie nun Kardinal, Bettler, König oder Liebhaber – heranwinkt und umarmt.
Ein weiterer grosser Held Benis ist der Teufel – nicht jener allerdings, der als Quelle alles Bösen gilt, sondern jener, der die Schurken röstet und plagt. Nun liebt Beni es, das Überlieferte und Selbstgefällige herauszufordern und zollt der direkten und unverblümten Kritik der Renaissancekritiker, wie sie im Buch „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant oder in den bizarren Stichen Jacques Callots gefunden werden kann, seinen Beifall.
Mit ewiger Verdammnis bezahlte Dr. Faustus für seine Verblendung. Wir, die wir seinem Weg folgen und schwankend am Abgrund unserer Selbstzerstörung stehen, müssen uns immer wieder die lebenswichtige Frage nach den Auswirkungen unseres Tuns stellen. Möglicherweise wird der eine oder andere beim Berühren der Skulptur am SIN auf die Zerbrechlichkeit der Natur aufmerksam. Und obwohl Beni den ursprünglichen Plan aufgeben musste, das Kunstwerk bei der leisesten Berührung in sich zusammenfallen zu lassen, könnten uns die Röhren durch ihre Misstöne über die Weisheit, Elementarteilchen auf 80 % der Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, nachdenken lassen.
Robert Jones, Dezember 1983
(Übersetzung durch die Redaktion)